Pädagogische Diagnostik

Über die Vermeidung von Erwartungseffekten

Gastbeitrag von Rebekka Mangelsdorf

1 Einleitung

„Sie wählen sich ein Thema aus der Päd. Psych. aus!“ (Kindervater, 2015)

Beim Nachdenken über diese Aufgabe, schwelgt der Mensch sehr schnell in Erinnerungen. Zurück in die eigene Schulzeit. Zurück in die Klassenräume der Vergangenheit. Was war damals Gang und Gäbe? Und heute?

Beim Gang zum Bäcker erwartet ein Jeder, dass dieser Brot und Brötchen bereithält.

Von einem Tischler wird erwartet, dass er Buchen- von Kastanienholz unterscheiden kann.

Und von einem Lehrer?  Von einem Lehrer erwartet man, dass er seine Schüler einzuschätzen weiß. Es wird erwartet dass er ein bestimmtes Verhalten beobachtet und im Anschluss daran, es vergleichen, analysieren, prognostizieren und interpretieren kann. (vgl. Ingenkamp, 2010,43) Und genau diese Aufgaben sind die Grundlagen der pädagogischen Diagnostik.

Die nachfolgende Arbeit soll davon handeln, welche Fehler Lehrern bei der Beurteilung von Schülern unterlaufen und wie diese vermieden werden können. Eine Begriffsklärung zu Pädagogischer Diagnostik und Erwartungen findet sich unter Punkt 3.

Wer den Beruf des Lehrers gewählt hat, muss sich auf Vieles konzentrieren können. Aus diesem Grund ist es nur sinnvoll, ihm die Arbeit etwas zu erleichtern und den Gütekriterien Objektivität, Validität und Reliabilität anzupassen (siehe Punkt 4). Und im Zuge dessen wird in Punkt 5 auf eine Auswahl an Fehlurteilen eingegangen, um im Anschluss Lösungsvarianten (Punkt 6) aufzuzeigen.

Zu guter Letzt folgen ein Fazit und ein Ausblick in eine eventuell bessere Zukunft.

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2 Fragestellung

Woher kommen die Vorurteile? Warum wird man mit ihnen erzogen? Welche eignet man sich im Laufe seines Lebens selber an?

All‘ diese Fragen könnte man stellen, wenn man den Vorurteilen auf den Grund gehen will. Wenn jedoch der Lehrerberuf bereits ausgeübt wird, ist es hierfür schon etwas zu spät. Nun gilt es herauszufinden, welche man selber hegt und vor Allem wie sie vermieden werden können. Dazu ist in erster Linie wichtig zu begreifen, dass man vorurteilsbelastet ist und dies nicht als Schwäche ansieht.

Viele empirische Studien haben sich bereits mit der Problematik beschäftigt, welche Erwartungseffekte es gibt und worin die Folgen bestehen. (vgl. Rosenthal,1975,18-21.)

Den einen Schüler fordern und den nächsten fördern ist eine zentrale Aufgabe des Lehrertums. Doch woher weiß man, ob die richtige Entscheidung darüber getroffen wurde? Oder ob der Eindruck, welchen man bisher hatte, sich auch jedes Mal wieder bewahrheitet? Wie kann man sich und seine Schüler vor Fehl- und Vorurteilen schützen? Ist das überhaupt möglich?

Diese und noch viel mehr Fragen haben sich bereits etliche Pädagoginnen und Pädagogen gestellt. Zufriedenstellende Antworten erhielten sie bislang selten. Es wird viel und oft erklärt und erforscht, woher die Erwartungseffekte kommen bzw. wie sie entstanden. Nun ist es an der Zeit einen Lösungsweg zu erarbeiten, um den Lehrkräften ein Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen.

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3 Pädagogische Diagnostik

Ronny wohnt in einer weniger gut situierten Gegend, kommt jeden Tag mit zerschlissenen Hosen zur Schule und hat mit 13 die erste Zigarette geraucht. Wird aus ihm ein Biophysiker, oder doch eher ein Maurer?

Melissa entstammt einer Ärztefamilie, ist ruhig und zurückhaltend und meldet sich oft im Unterricht. Wird sie in die Fußstapfen ihrer Eltern treten, oder zur freischaffenden Künstlerin?

Es gibt etliche solcher Beispiele. Natürlich sind die Lehrer nicht allein dafür verantwortlich, welchen Weg ein Kind einschlagen wird. Aber die großen Grundsteine werden doch von ihnen gelegt. Die Entscheidungen über Motivation und Förderung treffen sie für die ihnen Anvertrauten selbständig. Es stellt sich aber die Frage nach dem Wie. Wie entscheide ich über Gut und Schlecht? Wie stelle ich Leistungen am objektivsten fest? Wie kann ich verhindern, Schwächen zu übersehen? Wie reflektiert bin ich selber?

Mit diesen Fragen und Problemstellungen beschäftigt sich die Pädagogische Diagnostik.

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3.1 Pädagogische Diagnostik: Eine Begriffsbestimmung

Viele Wissenschaftler versuchten sich bereits an einer klaren Definition zu diesem Begriff und stellten immer wieder fest, dass sich dies nicht als einfach darstellt. Wild und Möller (2015) bezeichnen sie als pädagogisch-psychologische Diagnostik und sind der Auffassung, diese „soll bei der Lösung praktischer pädagogischer, schulischer oder bildungsbezogener Probleme und Fragestellungen helfen.“ (2015, Position 12852) Doch Ingenkamp erachtet seine eigene überarbeitete Definition als angemessen.

„Pädagogische Diagnostik umfasst alle diagnostischen Tätigkeiten, durch die bei einzelnen Lernenden und den in einer Gruppe Lernenden Voraussetzungen und Bedingungen planmäßiger Lehr- und Lernprozesse ermittelt, Lernprozesse analysiert und Lernergebnisse festgestellt werden, um individuelles Lernen zu optimieren. Zur Pädagogischen Diagnostik gehören ferner die diagnostischen Tätigkeiten, die die Zuweisung zu Lerngruppen oder zu individuellen Förderprogrammen ermöglichen sowie die mehr gesellschaftlich verankerten Aufgaben der Steuerung des Bildungsnachwuchses oder der Erteilung von Qualifikation zum Ziel haben.“ (Ingenkamp, 2008,13)

Ganz gleich, welcher man sich annimmt, einfacher wird es nicht.

Am Ende geht es darum, zu wissen wie ein Mensch ist, um Entscheidungen für und mit ihm zu treffen. Im besten Fall sind diese richtig und gut gewählt, sodass einem Lernerfolg nicht mehr viel im Wege steht.

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3.2 Erwartung: Eine Begriffsbestimmung

„Unter Erwartung versteht Rotter die vom Individuum vermutete Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Verhaltensweise in einer gegebenen Situation zu einer bestimmten Verstärkung führt.“ (Rammsayer,Weber, 2010, 89)

Auch hieran sieht man wieder, dass ein Lehrer sich in einer misslichen Lage befindet. Welche Erwartungen sollte er haben? Darf er überhaupt etwas vorausblicken? Wie verhindert er, dass seine Erwartungen zu hoch oder zu niedrig sind?

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4 Gütekriterien

Ein jeder kennt ihn: der Nasenfaktor. Manchen passt er gut, wiederum andere verfluchen ihn. Kann er als Kriterium für pädagogisch wert- und gehaltvolle Arbeit stehen?

Die Ausübung pädagogischer Tätigkeiten erweckt von Zeit zu Zeit den Anschein, als bräuchte sie sich lediglich an einem Lehrplan zu orientieren. Jedoch sollte sich gute Lehre nach den Gütekriterien der empirischen Forschung richten. Es kann nicht zu viel verlangt sein, die Diagnose und Bewertung von Schülern nachvollziehbar zu gestalten. Ein Jeder wird wissen wollen, wie seine Benotungen und Einschätzungen entstehen. Leistungsgesellschaft hin oder her, es ist wichtig und von Nöten vergleichbar zu sein.

Da die pädagogische Diagnostik ein großes Forschungsgebiet ist, wurden verschiedenste Kriterien erstellt. Im Nachfolgenden wird auf die drei wichtigsten eingegangen. Es gibt noch wesentlich mehr, aber schon diese drei sind kaum bis nie in Lehrräumen zu vereinen.

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4.1 Objektivität

„Objektivität ist das Ausmaß, in dem ein Untersuchungsergebnis in Durchführung, Auswertung und Interpretation vom Untersuchungsleiter nicht beeinflusst werden kann, bzw. wenn mehrere zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen. Weder bei der Durchführung noch bei der Auswertung und Interpretation dürfen also verschiedene Experten verschiedene Ergebnisse erzielen. Die Durchführungsobjektivität fordert, dass das Untersuchungsergebnis vom Anwender unbeeinflusst bleibt.“ (http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/FORSCHUNGSMETHODEN/Guetekriterien.shtml, abgerufen am 21. September 2015)

Ein Beispiel hierfür sind Abiturprüfungen. Diese werden nicht vom Lehrer der jeweiligen Klasse erstellt, sondern zentral von den Lehrern eines Bundeslandes, für deren Schüler. Auch ist die Durchführung streng geregelt. Mathe- Abitur: 225 min, blauer Stift, Bleistift und Lineale, Taschenrechner; keine sonstigen Hilfsmittel. Für die Auswertung sind spezielle Bewertungsbogen vorhanden und diese lassen keinen Raum für Interpretationen. Um ein noch höheres Maß an Objektivität zu schaffen, lässt man die Arbeit von einem Zweitprüfer korrigieren.

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4.2 Reliabilität

„Reliabilität (Zuverlässigkeit) gibt die Zuverlässigkeit einer Messmethode an. Eine Untersuchung wird dann als reliabel bezeichnet, wenn es bei einer Wiederholung der Messung unter denselben Bedingungen und an denselben Gegenständen zu demselben Ergebnis kommt.“(http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/FORSCHUNGSMETHODEN/Guetekriterien.shtml, abgerufen am 21. September 2015)

Um beim Beispiel der Abiturprüfung zu bleiben:

Wie bereits oben erwähnt, kann mittels eines Zweitkorrektors nicht nur die Objektivität erhöht werden. Eine Korrektur ist dann reliabel, wenn beide Prüfer zu dem selben Ergebnis kommen.

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4.3 Validität

„Validität (Gültigkeit) ist das wichtigste Testgütekriterium, denn es gibt den Grad der Genauigkeit an, mit dem eine Untersuchung das erfasst, was sie erfassen soll (z.B. Persönlichkeitsmerkmale oder Verhaltensweisen). Die Überprüfung der Gültigkeit wird mithilfe der Korrelation mit einem Außenkriterium vorgenommen.“ (http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/FORSCHUNGSMETHODEN/Guetekriterien.shtml, abgerufen am 21. September 2015)

Und zu guter Letzt noch die Gültigkeit. Diese wird einen hohen Korrelationskoeffizienten aufweisen bei beschriebener Prüfung. Der Test soll darstellen, ob ein Schüler die vorgegebenen Aufgaben lösen kann, oder nicht. Um dies Herauszufinden werden die Endergebnisse überprüft.

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5 Anzeichen für Beurteilungsfehler

Nicht immer ist eine Beurteilung so simpel, wie bei Mathematikaufgaben. Geht es um die Psyche des Menschen, gibt es kaum noch Eindeutigkeiten. Daher verwundert es nicht, dass ein Erkennen und richtiges Zuordnen von Verhaltensweisen zu Charakteren nicht immer einfach ist.

Es gibt ein Füllhorn an Fehlern, welche man begehen, aber auch vermeiden kann bei der Beurteilung von Schülern. Milde- und Härtefehler, Halo- Effekt, Rosenthal- bzw. Pygmalion- Effekt, Referenzfehler, Attributionen sind nur einige Beispiele dafür.

Dieses Kapitel möchte sich mit einer Auswahl dieser beschäftigen und wird genauer eingehen auf den Halo- Effekt, Attributionen, sowie Erwartungseffekte.

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5.1 Halo- Effekt

Sie stört nie den Unterricht, also ist sie nett, freundlich und intelligent.

Mit seinem losen Mundwerk versucht er sein Unwissen zu überspielen.

Welcher Lehrer hat sich das noch nie gedacht? Ein einzelnes Merkmal lässt auf die gesamte Person Rückschlüsse zu. Was ist aber, wenn sie nur nicht auffallen will, da sie im Unterricht und dem Lernstoff nicht mithalten kann? Und kann es nicht sein, dass er einfach nur gelangweilt und unterfordert ist!?

Diese Zusammenhangsfehler findet man in der Fachliteratur sehr oft und eingehend beschrieben. (vgl. Ingenkamp, 2008, 76) Aber man findet ihn auch tagtäglich in vielen Klassenzimmer und Hörsälen. Bei Klassenstärken von 25 und mehr Schülern fühlen sich aber auch die Lehrer überfordert, wenn sie Talente, Potentiale und Schwierigkeiten diagnostizieren sollen bzw. wollen.

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5.2 Attribution

Sie hat 13 Punkte in Mathe erhalten. Da hat sie aber eine Menge Glück gehabt.

„Zuschreibung von Eigenschaften und Ursache-Wirkung-Beziehungen gegenüber der Realität durch die handelnde Person zur Erleichterung der Orientierung im Alltag. Attributionen ersetzen häufig überprüftes Wissen.“(http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/77727/attribution-v6.html, abgerufen am 23. September 2015)

Fleiß wird oft mit Intelligenz gleichgesetzt. Und umgekehrt ist es die Faulheit, welche oft auf Dummheit schließen lässt. Aber ist das gerecht? Ohne vorher genau beobachtet zu haben, werden voreilige Schlüsse gezogen. Man lernt jemanden kennen und noch bevor man einen Satz mit ihm gewechselt hat, wird der Gegenüber in sympathisch oder unsympathisch eingeteilt. Diese Vorgehensweise ist im „normalen“ zwischenmenschlichen Bereich akzeptabel. Aber von einem Lehrer wird erwartet dies zu unterlassen und an die Gleichberechtigung appelliert.

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5.3 Erwartungseffekte

„Unter dem Erwartungseffekt versteht man, dass eine Lehrkraft bestimmte Überzeugungen über das Potenzial eines Schülers hat und allein diese Erwartungen dazu beitragen, dass sich der Schüler so verhält oder Leistungen zeigt, wie die Lehrkraft es erwartet hat.“ (Wild,Möller,2015, Position 11356f)

Im Jahr 1968 bewiesen schon Robert Rosenthal und Leonore F. Jacobsen einen Zusammenhang zwischen Schülerleistungen und Lehrererwartungen. (Rosenthal, 1975, 18-21)

Jedoch scheint es sehr ungerecht zu sein, wenn die Erwartung eines Lehrers beispielsweise für eine Intelligenzsteigerung verantwortlich sein soll. Dieser Fall wäre ja durchaus wünschenswert und förderlich. Wohingegen der umgekehrte Fall, ein Übersehen von Potenzial, jeden erzürnen dürfte.

Da gibt es den Sportlehrer, welcher felsenfest davon überzeugt ist, dass Jungs mit langen Beinen auch schnell rennen können müssen. Aus dem Grund treibt er genau diese „Fraktion“ immer mehr an, als die anderen kurzbeinigen Schüler. Wenn die Langbeiner nun besser und schneller werden, freut das natürlich sowohl den Lehrer, als auch die Schüler. Und was passiert mit dem Selbstwert der Kurzbeiner?

Noch immer gibt es in den Schulen Lehrer, welche ihre Schüler in Stereotype einteilen und sich davon auch nicht abbringen lassen. Dann passiert es eben, dass die Schülerin sich mit Absicht in die erste Reihe im Physikunterricht setzt, um so viel wie möglich zu lernen. Und dann trifft sie auf besagten Lehrer, der sie wissen lässt, das Mädchen nichts von Physik verstünden.

Dieses Mädchen wird wohl nur durch Zufall, einen Lehrerwechsel, oder Ähnliches zu einer zweiten Marie Curie emporwachsen.

Dies sind nur zwei Beispiele dafür, was passieren kann, oder auch nicht, wenn die Erwartungen hoch und das Agieren darauf sehr einseitig sind.

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6 Maßnahmen gegen Beurteilungsfehler

Wenn darüber nachgedacht wird, wie Beurteilungsfehlern entgegenzutreten ist und sie vermieden werden können, sind ein paar wichtige Punkte zu beachten. Zuvorderst bringt der beste Plan und Maßnahmenkatalog keinen Erfolg, wenn die Pädagogen engstirnig ihren bisher beschrittenen Pfad weiterverfolgen möchten. Außerdem ist auch die Zeit von Lehrern begrenzt, sodass sie diagnostische Werkzeuge benötigen, welche keine ‚stundenlange‘ Dokumentation voraussetzen. Die folgenden drei Gliederungspunkte beschäftigen sich mit einer kleinen Auswahl an Maßnahmen, welche ergriffen werden können.

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6.1 Checkliste

„Eine Checkliste besteht aus Begriffen, Aussagen oder Fragen zu einem Sachverhalt, die angekreuzt, unterstrichen oder mit ja/nein beantwortet werden.“ (Ingenkamp, 2008,88)

Der Vorteil dieser Methode ist, dass sie einfach anzuwenden ist und die Merkmale eindeutig erklärt sind. Die Begriffe benötigen keine weitere Erklärung für das Verständnis und lassen keinen Interpretationsspielraum zu. Ein weiterer entscheidender Vorteil ist, dass diese Methode auch während des Unterrichts angewendet werden kann. Dies erspart das Nacharbeiten im Anschluss.

Beispielsweise ist es einfach zu erkennen, ob ein Schüler sich meldet, er mit dem Banknachbarn redet, oder mit dem Stuhl kippelt.

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6.2 Beobachtungsbogen

Bei einem Beobachtungsbogen sind ebenfalls verschiedenste Merkmale aufgelistet. Jedoch ist es hier erforderlich eine eigene Wertung abzugeben. Beispielsweise muss man auf einer Skala von 1 (nicht) – 5 (in vollem Umfang) entscheiden in welchem Maße das Merkmal zutrifft. Ein erheblicher Negativpunkt hierbei ist, dass viele Lehrer, welche darin nicht geschult wurden, eher zur Mitte tendieren. Wahlweise besteht die Gefahr, dass zu hart oder zu milde entschieden/bewertet wird.

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6.3 Beobachterschulung

Freilich ist eine Schulung im Benutzen bzw. Einsetzen einer Checkliste nicht zwingend erforderlich, aber schon bei einem Beobachtungsbogen sieht man die Notwendigkeit einer solchen deutlich.

Sobald man sich Gedanken darüber macht, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen um Beurteilungsfehler zu vermeiden, muss man unweigerlich zu dem Schluss kommen dass die entsprechenden Pädagogen auch eine Weiter- bzw. Fortbildung auf diesem Gebiet benötigen.

Bei solchen Maßnahmen wird den Teilnehmern erklärt woher Beurteilungsfehler stammen und wie man sie erkennt. Des Weiteren ist das Ziel einer solchen Schulung Vermeidungstaktiken zu erlernen. Das Ergebnis soll sein, eine bessere Beurteilung für den einzelnen Schüler treffen zu können. Und daran anschließend die entsprechenden Perspektiven zu eröffnen und zu ermöglichen.

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7 Fazit/ Ausblick

Diese Arbeit hat nun dargestellt, welche Beurteilungsfehler es unter anderem gibt und zeigt kleine Lichtblicke auf, welche den Pädagogen helfen können einen „besseren“ Lehralltag zu vollbringen. Natürlich sind auch die drei ausgewählten Methoden kein Patentrezept.

Allmählich scheint es an der Zeit zu sein, dass während der Ausbildung der Lehrkräfte mehr Wert auf jene Beurteilungsprobleme gelegt wird. In den letzten Jahren wurde einiges für die Methodenkompetenz, die Erarbeitung von Inhalten und den Medieneinsatz getan. Leider wurde in dieser Zeit die Sozialkompetenz vernachlässigt.

Bleibt noch zu überlegen, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen auch angenommen und umgesetzt werden können. Denn wie so Vieles, gibt es diese Ideen schon seit einer geraumen Zeit. Oft wurde darüber diskutiert, oft für gut und genauso oft für schlecht befunden.

„Aber er ist vielen Praktikern zu aufwändig, besonders jenen, die der eigenen Urteilsfähigkeit ohne Skepsis und Einschränkung vertrauen. Darum sind auch die Versuche mit der Einführung von Entwicklungsberichten, Diagnosebogen usw. […] weitgehend erfolglos geblieben.“ (Ingenkamp, 2008, 91f)

Bleibt also die Frage, wie man zu einer Veränderung kommen kann.

Allem Anschein nach bedarf es einem Um- und Neudenken, einem ‚Sich- selbst- nicht- zu- ernst- Nehmen’, Offenheit für Neues und vor Allem einer ganzen Menge Mut und Selbstreflektion.

Nachdem also Gruppen- und Einzelarbeit, sowie Lernen am Modell erfolgreich in den Unterricht etabliert wurden, kann man sich nun den zwischenmenschlichen Beziehungen widmen. Damit ist jedoch nicht gemeint, dass ein jeder Pädagoge nun

mehrere Diagnose-und Beobachtungsbögen, sowie Checklisten tagtäglich auszufüllen hat. Viel eher soll Wert darauf gelegt werden, die Sinne wieder zu schärfen. Wieder ein Gespür zu entwickeln für die Interaktionen der Schüler untereinander und im Unterricht. Wieder zu einer Besinnung auf das Wesentliche zu gelangen. Wieder den Menschen als Solches wahrnehmen.

Man darf gespannt sein, ob und wann es zu einem Umschwung kommt.

Nötig wäre er alle Male.

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